Sterne sprachen einst zu Menschen,
Ihr Verstummen ist Weltenschicksal;
Des Verstummens Wahrnehmung
Kann Leid sein des Erdenmenschen;
In der stummen Stille aber reift,
Was Menschen sprechen zu Sternen;
Ihres Sprechens Wahrnehmung
Kann Kraft werden des Geistesmenschen.
— Rudolf Steiner, Wahrspruchworte (GA 40), 25. Dezember 1922, für Marie Steiner —
Die Jahrestagung 2027 der Mathematisch-Astronomischen Sektion vom 30. April bis 2. Mai 2027 bringt die Kosmologie Rudolf Steiners und das Werk von Elisabeth Vreede in Berührung mit der «Grosse Stille» der zeitgenössischen Astronomie. Im beginnenden Zeitalter der künstlichen Intelligenz scheint letztere die «Grosse Stille» des Kosmos auf der Erde zu durchbrechen. Die künstliche Intelligenz lastet mit wachsendem 'Druck' auf dem menschlichen Bewusstsein und der menschlichen Seele. Sie verstärkt so die Frage, was die «Grosse Stille» des Kosmos vom Menschen verlange.
Anmeldung und vollständiges Programm folgen.
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In unserem Zeitalter ist der Kosmos mit seinen Sternen verstummt. Einst von den Alten als lebendige Schrift gelesen, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der modernen Wissenschaft als gasförmige und glühende Himmelskörper gedeutet, die dem menschlichen Schicksal gleichgültig gegenüberstehen, bleiben die Sterne des Kosmos eine äußere Grenze, welche die Fragen der Innenwelt des Menschen spiegeln.
Was die Stille von uns verlangt ist das Hauptmotiv der Jahrestagung 2027 der Mathematisch-Astronomischen Sektion am Goetheanum. Über drei Tage wird es sich in Form von Fragen entfalten: Wie kann der Mensch aus freiem Willen und wahrhaftig zum Kosmos 'sprechen'? Was kann der heutige Mensch einem sich entwickelnden und offenbar einzigartigen Universum bieten, und welche Sprache ist dafür erforderlich? Das Verlangen nach Orientierung und Erkenntnisansätzen, die das menschliche Leben mit den großen Rhythmen des Kosmos verbinden, hat in unserer Zeit neue Dringlichkeit erlangt. Die Physik kennt diese Stille in Form des Fermi-Paradoxon.
Ist die «Grosse Stille» ein Ende oder eine Schwelle?
Die Tagung bietet einen gegliederten Aufbau: Erstens die Disziplin der genauen, ehrlichen Beobachtung. Zweitens biographische Orientierung, das eigene Leben nicht als Zufall, sondern als Rhythmus zu erkennen. Jede Schwelle eingebettet in einen größeren Zusammenhang, welchen man lesen lernen kann. Und drittens: Der Kosmos diktiert nicht; er bietet Zusammenhang aus der Vergangenheit und dürstet nach Orientierung in der Zukunft. Wer den Kosmos so zu sehen vermag, beginnt Verantwortung des und der Menschen für den stummen Kosmos zu erleben.
Was verlangt die «Grosse Stille» des Kosmos vom Menschen der Gegenwart?
Diese grosse Frage nach dem Sprechen zu den Sternen wird heute von der künstlichen Intelligenz auf Erden bedrängt. Es scheint als ob im Kosmos nicht eine extraterrestrische, sondern eine terrestrische Intelligenz, die sogenannte künstliche Intelligenz, ihre Stimme zu erheben beginnt. Unsere eigenen Fähigkeiten des Denkens, Sprechens und Urteilens werden zunehmend Maschinen überlassen, die darauf angelegt sind, Gedanken vorwegzunehmen oder für uns zu vollenden. Wenn dem so ist, was bleibt dann wirklich noch unser Eigenes? Die Frage, welche die kosmische Stille schon früher gestellt hat — Was hast du, aus dir selbst heraus, frei zu sagen? — war selten dringlicher als heute.
Gemäss den Beschreibungen der geisteswissenschaftlichen Kosmologie kann der Mensch der Gegenwart dem Sinn der Erde, dem Sinn des Kosmos begegnen. Aus der naturwissenschaftlichen-astronomischen Betrachtung, der mathematischen Kontemplation oder dem Gespräch mit anderen Menschen steigt dann Wesenhaftes auf. In den Worten von Elisabeth Vreede aus dem letzten Rundschreiben vom August 1930 bedeutet dies: «Wir sind wiederum bei geisteigen Wesen angelangt, das heisst, bei dem Zentralwesen unserer Menschheitsentwicklung, das, aus kosmischen Höhen einst herabgestiegen, der Erde ihren Sinn gegeben hat, das «im Urbeginne war» und «alle Dinge gemacht hat» und das von sich selber zu den Menschen sprechen konnte: Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Weltalter – und auch das Wort: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.»
In Würdigung des Vermächtnisses von Elizabeth Vreede, Lily Kolisko und Willi Sucher und im Dialog mit den elf anderen Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft bietet dieses Tagungsformat Raum für zwei Sprachen – die spirituelle und die empirische. Im Jahr 2027 wollen wir uns mit der Fragestellung beschäftigen, was die «Grosse Stille» des Kosmos im Zeitalter der künstlichen Intelligenz vom Menschen verlangt.
Forschungsfrage und Hintergrund
Der Ansatz für dieses Projekt ist, Wege aufzuzeigen, wie der Mensch Erde und Kosmos a) als lebendigen Organismus, b) als beseeltes Wesen und c) als geistig wirksam erleben und ver- stehen lernen kann. Es geht darum, esoterische Ansätze auszu- arbeiten und darzustellen, also neue Gesichtspunkte in die Na- turwissenschaften und in die Medizin zu tragen.
In unserem naturwissenschaftlich-technischen Zeitalter fin- den wir Bewusstsein, Leben und physische Form beim Menschen, Leben und physische Form bei der Erde und nur physische Form im Kosmos. In der Genesis des Alten Testaments und auch vielen anderen Mythologien der Weltentstehung wurde es gerade um- gekehrt erzählt: Bewusstsein, Leben und physische Form, das ist der Kosmos, die Götterwelt, und der Mensch wurde als Abbild Gottes in die physische Form der Erde hinein erschaffen.
«Die Anthroposophie möchte das Geistige im Menschenwe- sen zum Geistigen im Weltenall führen.»10 Und dies, indem die gegenwärtig zur Verfügung stehenden Bewusstseinskräfte des Menschen weiterentwickelt werden.
Wolfgang Held ist der Autor des deutschprachigen Sternkalenders der Mathematisch-Astronomischen Sektion am Goetheanum. Der Sternkalender wird vom Verlag am Goetheanum publiziert.
Ausführliche Informationen zu den jeweiligen Jahrgängen finden Sie hier: